Hamburger Abendblatt

Til Steinmeiers Geheimrezepte

Es ist die Zeit der Dementis. "So ist es faktisch nicht", sagt der Hamburger Sportmediziner Til Steinmeier. Der 46-Jährige sieht sich schweren Anschuldigungen ausgesetzt. Dem renommierten Arzt wird vorgeworfen, die Radfahrer des erfolgreichen Hamburger Stevens Racing Teams systematisch mit Dopingmitteln versorgt zu haben. Das behauptet sein ehemaliger Assistent, der anonym bleiben will. Er hatte Ende vergangenen Jahres geheime Patientendaten in Steinmeiers Computer fotografiert. Auf den Aufnahmen ist die Ausstellung von Privatrezepten für Dopingpräparate exakt aufgelistet. Die Bilder liegen inzwischen der Anti-Doping-Agentur (Nada) vor. Stimmen die Eintragungen, hätten sich die Athleten in der Apotheke nebenan verbotene leistungssteigernde Substanzen wie Epo, Testosteron und Kortison beschaffen können. Es ist jener Cocktail, der in der Radszene gängig ist und sonst nur Schwerkranken verabreicht wird. Auch der ehemalige Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich wird verdächtigt, diese nebenwirkungsreichen Mittel benutzt zu haben. Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) stellt heute Strafanzeige gegen Steinmeier wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetzes. Der Heidelberger Molekularbiologe und Dopingjäger Prof. Werner Franke hatte das bereits am Freitag getan.

"Ich muss jetzt mit meinem Anwalt einige Dinge klären, dann werde ich mich detailliert zu den Vorwürfen äußern", sagte Steinmeier dem Abendblatt. Neben dem Radteam hatte er zuletzt die Fußball-Profis des HSV leistungsdiagnostisch betreut. Auch zwei Handballer des HSV, so Steinmeier, habe er einmal behandelt. "Die sind aber mit Fußproblemen zu mir gekommen." Der HSV und das Stevens Team haben sich inzwischen von Steinmeier getrennt. Stevens-Manager Werner von Hacht zeigte sich schockiert: "Wir stehen für einen sauberen Sport." Seinen Fahrer Johannes Sickmüller, deutscher Radcrossmeister 2006 in der Harburger Haake, hatte von Hacht am Sonnabend bis zur Klärung des Falles suspendiert. Der ebenfalls durch die Computerbilder belastete Fabian Brzezinski gehört der Mannschaft seit rund einem Monat nicht mehr an. "Die Trennung erfolgte jedoch aus anderen Gründen, aus Unstimmigkeiten in der Zusammenarbeit", sagte von Hacht. Der BDR will gegen Sickmüller und Brzezinski ein Sportgerichtsverfahren einleiten. Beiden drohen zwei Jahre Sperre. Auch der jetzige Stevens-Teamchef Jens Schwedler, ehemaliger deutscher Meister, steht unter Doping-Verdacht.

Überraschend kommt die Entwicklung nicht. In der Radcrossszene kursieren seit Jahren Dopinggerüchte gegen das Stevens Team. Sickmüller hatte sich nach Abendblatt-Informationen zudem in der Vergangenheit zwei unangemeldeten Trainingskontrollen zu entziehen versucht. Der Test kam beide Male später als geplant zustande. Der zweite Vorfall ereignete sich kurz vor den deutschen Crossmeisterschaften am 8. Januar dieses Jahres in Hamburg, die Sickmüller souverän gewann. Alle seine Proben waren jedoch negativ. Sickmüller: "Ich habe mit Doping absolut nichts zu tun."

Steinmeiers Assistent war nach eigener Aussage erstmals im Oktober 2005 mit den angeblichen Praktiken seines damaligen Arbeitgebers in Berührung gekommen. "Es war vor dem Radcross am 9. Oktober auf der Horner Rennbahn. Da bat mich von Hacht, den Rennarzt zu machen, weil Steinmeier keine Zeit hatte", erzählte der Mediziner gestern dem Abendblatt. Steinmeier habe ihm dann gesagt, wenn der Schwedler zur Kontrolle müsse, solle ich für ihn Urin lassen. Das habe er in der Vergangenheit auch schon gemacht. Schwedler sei bis unters Dach voll. Der Mediziner sagte darauhin von Hacht ab. Steinmeier bestreitet diese Darstellung.

In den Wochen danach, als der Mediziner bei Steinmeier mehrmals Praxisvertretung machte, habe er im Computer die Namen der Radfahrer herausgesucht und sei auf die besagten Rezepte gestoßen. "Außer Doping gab es keinen ersichtlichen Grund, diese Medikamente zu verschreiben", sagt der Arzt. Er habe sich an die Nada gewandt, aber erst 2006 die Antwort erhalten, dass man wenig machen könne. "Ich befand mich ohnehin in einem schweren Dilemma, weil ich gegen die ärztliche Schweigepflicht verstoßen hatte." Auch die Hamburger Ärztekammer konnte ihn vor einem Monat nur allgemeinen Rat geben. Der Medziner informierte schließlich dennoch die Öffentlichkeit, "weil sich Steinmeier zuletzt überall als Vorkämpfer für den sauberen Sport hinstellte. Das ging mir dann doch zu weit."

Der Arzt rechnet jetzt mit einer Strafanzeige Steinmeiers wegen Verleumdung. "Ich stehe zu meinen Vorwürfen", sagt er. "Warum sollte ich irgendetwas manipuliert haben? Ich habe keinen Vorteil von dieser Affäre, nur Anwaltskosten."

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